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Hass gegen alle, die die Wahrheit sagen? Zitat stammt in dieser Form nicht von Platon

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Wenn sinnhafte Sätze aus einem berufenen Mund stammen, bekommen sie in der Regel mehr Gewicht und Glaubhaftigkeit, als wenn der Nachbar am Gartenzaun etwas Schlaues fallen lässt. Im Internet gibt es eine Schwemme von Zitaten, die sich auf berühmte Männer oder Frauen als mutmaßliche Urheber berufen. Doch nicht alle Zuweisungen stimmen. Weit verbreitet ist zum Beispiel das angebliche Platon-Zitat (archiviert): «Niemand wird mehr gehasst als derjenige, der die Wahrheit sagt.» Doch ein Blick ins Werk des Philosophen macht stutzig.

Bewertung

Das Zitat ist bei Platon in diesem Wortlaut nicht zu finden. Zwar erinnert die Wortwahl an eine Textstelle in einem seiner Werke. Doch formuliert der Philosoph dort bei Weitem nicht so allgemeingültig, wie verbreitet.

Fakten

Aphorismen über die Wahrheit gibt es unzählige: «Ein Mann, der die Wahrheit spricht, braucht ein schnelles Pferd», wäre so einer. Oder: «Eine Lüge ist bereits dreimal um die Welt gelaufen, bevor sich die Wahrheit die Schuhe anzieht.»

Einreihen kann sich ein weiterer Spruch – und das mit Platon als vermeintlich mächtigem Gewährsmann. Doch dass der altgriechische Denker und Dichter (428/427 bis 348/347 vor Christus) tatsächlich geschrieben haben soll, niemand werde mehr gehasst als derjenige, der die Wahrheit sage, ist so nicht richtig.

Zu finden ist dieser Satz in keinem von Platons Werken. Der Philosoph und Autor Christoph Quarch, der über Platon promovierte, teilt sowohl der Deutschen Presse-Agentur (dpa) als auch dem Recherche-Netzwerk Correctiv mit: «Im Wortlaut bzw. in einer entsprechenden altgriechischen Formulierung findet sich dieses Zitat nach meinem Kenntnisstand in keinem der von der von der Forschung mehrheitlich als authentisch anerkannten Dialoge Platons.»

Dennoch hat das vermeintliche Zitat durchaus Anlehnungen an eine Platon-Textstelle. Denn in der literarischen Gestaltung einer Verteidigungsrede des Sokrates («Apologie des Sokrates») legt er seinem Lehrer Worte in den Mund, die an das verbreitete Zitat erinnern können.

In einer modernen Übersetzung (S. 63) lässt er Sokrates sagen: «Das ist für euch, ihr Männer von Athen, die Wahrheit! Ich habe euch mit dem, was ich geredet habe, nichts verschwiegen noch unterdrückt, weder Kleines noch Großes. Und doch bin ich fast sicher, dass ich eben deshalb verhasst bin. Der Hass ist ein Beweis dafür, dass ich die Wahrheit rede, denn daraus sind die Verleumdungen gegen mich entstanden, dies sind die Ursachen davon.»

Ähnlich formuliert ist die Textstelle auf Deutsch in der berühmten Übersetzung von Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher (S. 5) und ebenso bei der von Ludwig Georgii, Franz Susemihl und anderen.

Platon-Experte Quarch merkt mit Blick auf die Sokrates-Rede an, dass im griechischen Original eigentlich vom «Wahren» (griech. «alethes») die Rede sei und nicht von der «Wahrheit» («aletheia»). Das «Wahre» sei im Sinne von «Fakten» zu verstehen.

In der Platon-Stelle mache sich Sokrates durch seine Ausführungen verhasst, weil sie die Vorwürfe gegen ihn zu bestätigen scheinen, erläutert Quarch der dpa. Grund für die Abneigung sei also nicht das verbreitete «Wahre», sondern der Umstand, dass Sokrates die gegen ihn erhobene Anklage nicht so widerlegt habe, wie man es vor Gericht von ihm erwarten würde.

Zudem ist es freilich ein Unterschied, ob Platon die Worte einer seiner Figuren (in diesem Fall: Sokrates) in den Mund legt und diese auf sich selbst beziehen lässt («dass ich […] verhasst bin»), oder ob er einen allgemeingültigen Satz formuliert, der angeblich auf jeden zu beziehen sei («niemand wird mehr gehasst»).

Die «Apologie des Sokrates» ist zunächst ein fiktionales Werk. Inwieweit die beschriebenen Ereignisse eine Darstellung Platons sind «oder welchen historischen Kern sie haben, kann nach fast zweieinhalb Jahrtausenden nicht mehr entschieden werden», schreibt der mittlerweile pensionierte Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte in Paderborn, Dieter Hattrup, in seinem theologischen Nachwort zur «Apologie» (S. 92).

Übrigens: Zum Spruch mit der Wahrheit und dem «schnellen Pferd», das häufig etwa dem chinesischen Gelehrten Konfuzius untergeschoben wird, handelt es sich nach Angaben des Zitate-Forschers Gerald Krieghofer um ein armenischen Sprichwort. Und die schlafmützige Wahrheit, die sich erst noch die «Schuhe anziehen» müsse, stammt ihm zufolge auch nicht – wie oft behauptet – von Schriftsteller Mark Twain.

(Stand: 1.2.2022)

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