Home Fakten Checks 100 000 sind übertrieben – Polizei: 50 000 Demo-Teilnehmer in Sachsen

100 000 sind übertrieben – Polizei: 50 000 Demo-Teilnehmer in Sachsen

by Jessika McGyver
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Die rechtsextreme Kleinstpartei Freie Sachsen geht für die Corona-Proteste in Sachsen erneut von einer scheinbar riesigen Teilnehmerzahl aus. Wie schon in der Vorwoche spricht die Gruppierung von einer mindestens sechsstelligen Teilnehmerzahl, die im Freistaat am 31. Januar 2022 angeblich auf der Straße gewesen sein soll (archiviert), um gegen Impfpflicht und staatliche Pandemie-Maßnahmen zu demonstrieren.

Bewertung

Die Polizei geht nur von gut 50 000 Menschen aus.

Fakten

Die Freien Sachsen zählen zu den Kräften, die immer wieder Gegner der Corona-Politik mobilisieren. Die vom Bundesamt für Verfassungsschutz als Verdachtsfall eingestufte Gruppierung ruft etwa über das soziale Netzwerk Telegram zu Protesten im Freistaat, aber auch in anderen Bundesländern auf.

Die Tätigkeiten der Freien Sachsen seien «objektiv geeignet, die freiheitliche demokratische Grundordnung oder einzelne ihrer zentralen Wesenselemente zu beseitigen oder zu beeinträchtigen», heißt es vom sächsischen Verfassungsschutz. Dieser hatte bereits im Juni über eine Einstufung der Partei als rechtsextremistisch und verfassungsfeindliche Bestrebung informiert.

Wie viele waren nun am 31. Januar auf der Straße?

Schon für den 24. Januar sprachen die Freien Sachsen von mehr als 100 000 Demonstranten, was die Deutsche Presse-Agentur (dpa) bereits widerlegte. Nun versucht die Partei wieder, die Proteste in Sachsen größer aussehen zu lassen, als sie es tatsächlich waren – und spricht erneut von mehr als 100 000 Teilnehmern.

Doch das Landespolizeipräsidium des Freistaats geht von gerade einmal der Hälfte davon aus. Auf dpa-Anfrage teilt die Pressestelle am 2. Februar per Mail mit: Bei den 184 (teils sehr übersichtlichen) Ver- und Ansammlungen gegen die Corona-Maßnahmen waren demnach «soweit polizeilich bekannt» insgesamt in ganz Sachsen gut 50 000 Menschen mitgelaufen. Außerdem seien am 31. Januar etwas mehr als 500 zu Gegenprotesten zusammengekommen.

Die Polizei brachte demnach 65 Verstöße gegen die sächsische Corona-Notfallverordnung und 123 gegen das Versammlungsgesetz zur Anzeige. Knapp 2000 Polizisten und Polizistinnen waren nach Angaben des Landespolizeipräsidiums im Einsatz.

Wie zählt die Polizei?

Nicht selten wird den Behörden und Medien vorgeworfen, sie würden die Teilnehmerzahlen absichtlich klein rechnen. So taten das auch die Freien Sachsen. Doch während die rechtsextreme Partei keinerlei Aussagen über ihre eigene angebliche Zählweise und Messmethodik macht, geht die Polizei transparent damit um. Wie eine Pressesprecherin des sächsischen Landespolizeipräsidiums der dpa erläutert, werden die Schätzungen «lediglich unter polizeitaktischen Gesichtspunkten zur Lagebeurteilung» vorgenommen.

Dabei werden die Teilnehmerzahlen von den jeweiligen Polizeidienststellen nach allgemein praktizierten Verfahrensweisen geschätzt. Konkret: «Zunächst wird die Fläche, welche die Teilnehmer einer An- oder Versammlung zum Zeitpunkt des Auftaktes beanspruchen, ermittelt. In einem weiteren Schritt wird die Zahl der sich auf diesem Raum befindlichen Personen überschlagen», heißt es in einer E-Mail vom 2. Februar. Bei übersichtlichen Veranstaltungen mit nur wenigen Teilnehmern werden die Anwesenden tatsächlich durchgezählt.

Bei Aufzügen werden der Polizeisprecherin zufolge von einer Position am Streckenrand die Reihen des Aufzuges gezählt. Dieser Wert werde mit der durchschnittlichen Anzahl von Menschen multipliziert, die sich pro Reihe vorwärts bewegten. «Beide Werte führen zu einer durchschnittlichen, geschätzten Teilnehmerzahl», so die Sprecherin.

Ähnlich erklärte Andrej Krosse aus der Polizeiinspektion Anklam jüngst dem «Nordkurier» die Zählmethode der dortigen Polizei – und fügt hinzu: «Wir sind bei der Angabe der gezählten Teilnehmer objektiv und haben kein Interesse, diese besonders hoch oder niedrig anzusetzen. Das unterscheidet uns sicherlich von Veranstaltern oder Interessenvertretern.»

Im selben «Nordkurier»-Artikel bewertet Professor Volkmar Liebscher, Leiter des Lehrstuhls für Biomathematik und Statistik an der Universität Greifswald, die Block-Zählweise als die bestmögliche Methode bei Demonstrationen.

Wie wurden zuletzt Demo-Zahlen übertrieben?

Bereits in der Vergangenheit waren Demonstrationen in sozialen Medien größer gemacht worden, als sie es in Wahrheit waren – etwa deutschlandweite Proteste der Maßnahmengegner am 8. Januar 2022, Demonstrationen von Impfpflichtgegnern in Wien (hier und hier) oder ein «Querdenken»-Aufmarsch in Leipzig.

(Stand: 2.2.2022)

® 2022 nwna.de Mit Quellen von dpa-Fakten Check Team.