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Würzburg: Medien haben schnell von möglichem Islamismus berichtet

Nach dem Messerangriff in Würzburg hat die Polizei immer noch nicht abschließend erklärt, dass es sich bei der Tat eindeutig um eine islamistische Attacke handelte. Nach Behördenangaben deuten Indizien auf solche Hintergründe hin. Der Täter könnte demnach aber auch psychisch krank sein. Von vielen Nutzern sozialer Medien allerdings wird ein islamistisches Motiv als gegeben angesehen. Der Presse wird wiederum vorgeworfen, dies zu verschweigen oder anfänglich verschwiegen zu haben (archiviert). Auch AfD-Politiker blasen in dieses Horn.

Bewertung

Falsch. Journalisten berichten in der Regel über gesicherte Ermittlungsergebnisse, genauso aber auch über mögliche Motive. So auch im Fall von Würzburg: Schnell nach der Tat wurden entsprechende Erkenntnisse zu den Hintergründen der Attacke in den Medien verbreitet. Von «Verschweigen» keine Spur.

Fakten

Wenn irgendwo eine Gewalttat passiert, sind deren Hintergründe und Motive unmittelbar danach in der Regel noch nicht bis ins letzte Detail ausgeleuchtet. In sozialen Medien hingegen verbreiten sich häufig sehr schnell unbelegte Indizien und Behauptungen. Nicht alle stellen sich am Ende als richtig heraus. Glaubwürdige Journalisten gehen diesen Hinweisen zwar nach, lassen sich diese aber von Ermittlungsbehörden einordnen, bevor sie als Fakt berichtet werden.

Aber wie genau war das nun bei der Berichterstattung über den Messerangriff in Würzburg am 25. Juni 2021 gegen 17.00 Uhr, als ein 24-jähriger Somalier drei Frauen tötete und weitere Menschen verletzte? Hat die Presse anfangs tatsächlich Herkunft oder mögliches Motiv des Täters außen vor gelassen?

AfD-Rechtsaußen Björn Höcke, dessen Thüringer Landesverband vom Verfassungsschutz als gesichert extremistisch eingestuft wird, behauptet am 27. Juni, 9.00 Uhr, auf Facebook über die Berichterstattung der Presse: «Die Identität des Täters wird verschwiegen.» Sein sächsischer Parteikollege Sebastian Wippelmann schreibt am 28. Juni, 13.42 Uhr, auf Facebook über den islamistischen Hintergrund des Täters: «Für unsere Medien ist das leider nicht so eindeutig, sie schweigen. Und das ist Teil des Problems.»

Ein Blick auf ausgewählte Artikel und Beiträge großer und reichweitenstarker Medien zeigt allerdings, dass diese Behauptungen schon zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung völlig an den Haaren herbeigezogen sind:

  • Deutsche Presse-Agentur (dpa), Meldung vom 25. Juni, 21.48 Uhr: Bereits am Abend kurz nach der Tat berichtet die Nachrichtenagentur über das Statement von Bayerns Innenminister Joachim Herrmann, wonach es Indizien dafür gebe, «dass es sich um einen islamistischen Anschlag handeln könnte». Ein Zeuge gab dem CSU-Politiker zufolge an, der 24-jährige Somalier habe bei der Tat «Allahu Akbar» gerufen. Mehrere Medien greifen die dpa-Meldung auf, unter anderem die Online-Portale von «Die Zeit», «Münchner Merkur» und «t-online.de».
  • «Tagesthemen», Sendung vom 25. Juni, 21.45 Uhr: In der Abendausgabe der ARD-Nachrichten berichtet ein Journalist vor Ort in Würzburg von einem Augenzeugen, «der den Ruf “Allahu Akbar” gehört haben möchte». Die kommenden Tage würden zeigen, ob es sich um eine psychische Erkrankung beim Täter handle oder um ein islamistisches Motiv, so der Reporter.
  • «heute journal», Sendung vom 25. Juni, 22.00 Uhr: In den ZDF-Abendnachrichten am Tattag sagt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann im Interview: «Es gibt einen Augenzeugen aus dem Kaufhaus, der klar sagt, dass der Täter bei der Verübung seiner wirklich fürchterlichen Gewalttaten, seiner Mordtaten, laut “Allahu Akbar” gerufen hat. Dies deutet auf ein möglicherweise islamistisches Motiv hin.»
  • «Frankfurter Allgemeine Zeitung», Artikel vom 26. Juni (veröffentlicht 16.23 Uhr, zuletzt aktualisiert 17.03 Uhr): Unter dem Titel «Täter von Würzburg rief auch “Dschihad”» geht der Text darauf ein, dass der «mutmaßliche Täter, ein 24 Jahre alter Somalier», unter anderem «nach Angaben beteiligter Polizisten “Allahu Akbar” (Gott ist groß) rief und auch “Dschihad”».
  • «Der Spiegel», Artikel vom 26. Juni (online seit 11.33 Uhr, zuletzt aktualisiert 12.24 Uhr): Schon in der Überschrift «Verdächtiger nennt Messerattacke seinen “Dschihad”» wird das mögliche islamistische Motiv transportiert. Der Text (Bezahlschranke) verweist außerdem am Beginn prominent auf den Zeugenbericht hin, wonach «der 24-jährige Geflüchtete aus Somalia während der Attacke “Allahu Akbar” gerufen» habe.
  • «heute», Sendung vom 26. Juni, 19.00 Uhr: In der ZDF-Hauptnachrichtenausgabe heißt es: «Bei dem Angriff soll er “Allahu Akbar” gerufen haben, zudem fanden die Ermittler in seiner Unterkunft Hinweise auf ein islamistisches Motiv.»
  • «Tagesschau», Sendung vom 26. Juni, 20.00 Uhr: Die ARD-Nachrichtensprecherin sagt: «Die Behörden prüfen, inwiefern psychische Probleme des 24-jährigen Somaliers und auch mögliche islamistische Einstellungen zur Tat beigetragen haben könnten.»

(Stand: 2.7.2021)

Links

dpa-Meldung über Hermann/Würzburg vom 25.6.2021 via «Zeit» (archiviert), «Münchner Merkur» (archiviert) und «t-online.de» (archiviert)

«Tagesthemen» vom 25.6.2021 (archiviert)

«heute journal» vom 25.6.2021 (archiviert)

«FAZ»-Artikel über Würzburger Tat vom 26.6.2021 (archivierte Version vom 26.6., 16.23 Uhr)

«Spiegel»-Artikel über Würzburger Tag vom 26.6.2021, gebührenpflichtig (archivierte Version vom 26.6.)

«heute», 19-Uhr-Ausgabe vom 26.6.2021 (archiviert)

«Tagesschau», 20-Uhr-Ausgabe vom 26.6.2021 (archiviert)

«Zeit»-Artikel über Verfassungsschutz-Einstufung Höckes (archiviert)

Höckes Facebook-Post mit Falschbehauptung über angeblich schweigende Medien (archiviert)

Wippels Facebook-Post mit Falschbehauptung über angeblich schweigende Medien (archiviert)

Facebook-Post mit Falschbehauptung über angeblich schweigende Medien (archiviert)


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