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kein Nachweis, dass Ivermectin Sterblichkeit bei Covid-19 senkt

by Jessika McGyver
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Das Wurmmittel Ivermectin hilft nachweislich nicht gegen Covid-19. Doch Behauptungen über das Gegenteil kursieren weiterhin in sozialen Medien: «Ivermectin senkt die Sterblichkeit» lautet etwa die Überschrift eines aktuellen Blogbeitrags, den Nutzer auf Facebook teilen (archiviert). In dem Text heißt es: «Eine in der März-Ausgabe 2022 des International Journal of Infectious Diseases veröffentlichte Studie ergab erneut, dass eine Behandlung mit Ivermectin die Sterblichkeitsrate bei Covid-19-Patienten stärker senkt als Remdesivir.» Trifft das Ergebnis der angeblichen Studie zu und verringert Ivermectin tatsächlich die Sterblichkeit von Covid-19?

Bewertung

Die vermeintliche Studie ist keine veröffentlichte Studie. Es handelt sich um eine Kurzfassung über Forschungsergebnisse – die Forscher fanden ihre eigenen Ergebnisse nicht aussagekräftig genug für eine Veröffentlichung. Ivermectin ist nachweislich unwirksam bei Covid-19 – das bestätigte jüngst eine Doppelblind-Studie, der höchste wissenschaftliche Studienstandard.

Fakten

Der auf Facebook kursierende Blogbeitrag verweist auf eine angebliche Studie, die im März im «International Journal of Infectious Diseases» erschien. Ein Blick in das Journal zeigt: Es handelt sich nicht um eine Studie, sondern um einen sogenannten Abstract.

Ein Abstract ist eine Kurzinformation über Forschungsergebnisse, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler etwa auf einer Konferenz vorgestellt haben oder eine Einführung in eine Studie. Doch nicht zwingend muss dahinter eine vollständige Studie stecken, die vor der Veröffentlichung von Fachkollegen geprüft, also einem Peer-Review unterzogen wurde.

So ist es auch in diesem Fall: Die Autoren Iakov Efimenko und Jose Gonzales Zamora, Mediziner von der Universität Miami in den USA, widersprechen auf Twitter und in einem Videointerview der Deutung ihrer Forschungsergebnisse zugunsten von Ivermectin.

Er glaube, die Daten und die Studie würden falsch dargestellt und fehlinterpretiert, schreibt Efimenko in einem Tweet. Es handele sich nicht um eine Peer-Reviewed-Studie – die also vor Veröffentlichung von Fachkolleginnen geprüft wurde – sondern um eine Kurzfassung (Abstract) aus einer Konferenz. «Kurzfassungen sollen sich Hypothesen ansehen und nicht die klinische Praxis anleiten», schreibt er weiter. In einem anderen Tweet erklärt er, warum daraus keine Veröffentlichung wurde: «Wir haben das Manuskript aus Gründen nicht eingereicht: schwache Evidenz.»

Ein weiterer Autor, Jose Gonzales Zamora, weist auf Twitter darauf hin, dass es sich um eine retrospektive, auf Beobachtungen beruhende Studie handele. «Empfehle ich IVM (Ivermectin, Anm. der Redaktion)? NATÜRLICH NICHT. Habe ich es je gegen COVID verschrieben? NIEMALS», schreibt Zamora (Großschreibung im Original).

In einem Videointerview auf Youtube führt Efimenko erneut aus, was genau die Kurzfassung seiner Ergebnisse aussagen können und was nicht. Im Juli 2021 hätten er und seine Kollegen die Kurzfassung geschrieben und im Oktober oder November 2021 auf einer Konferenz präsentiert (ab Minute 2:53). Der Autor sagt ebenfalls, es handele sich um eine retrospektive Kohortenstudie. Im Rahmen der Qualität von Beweisen sei das im unteren Bereich der Evidenz angesiedelt (ab 6:46).

Ausgewertet wurden Patientendaten aus einer sehr umfangreichen Datenbank, die zwischen Januar 2020 und Juli 2021 nachweislich mit Covid-19 infiziert waren und das Arzneimittel Ivermectin oder das Arzneimittel Remdesivir erhalten hatten. Anhand der Daten hätten sich Hinweise auf einer Verbindung zwischen Ivermectin und verringerter Sterblichkeit gezeigt – so steht es auch im Abstract.

Doch den Einfluss vieler anderer Faktoren, wie die Dosierung des Medikaments, der Impfstatus oder die Schwere der Covid-Erkrankung seien nicht abschätzbar gewesen. Dem Autor zufolge seien das klare Grenzen der Untersuchung (ab 13:53). «Man würde nie Schlüsse ziehen aus einer retrospektiven Kohortenstudie. Zur Erinnerung: Das ist nur eine Assoziationsstudie» (7:11). Derartige Studien hätten «extrem große Grenzen in ihrer Aussagekraft» (12:06). Daraus Schlüsse zur Verringerung der Sterblichkeit durch Ivermectin zu ziehen, nannte er «komplett inkorrekt» (7:30).

Der Autor habe gemeinsam mit seinen Professoren entschieden, die Arbeit nicht weiter zu verfolgen, da sie in den Daten keine neuen Erkenntnisse für die Ivermectin-Foschung sahen, auch da mittlerweile Forschungsergebnisse publiziert wurden, die gegen die Hypothese vom Nutzen von Ivermectin sprachen (ab 4:15).

Dass der Arzneistoff Ivermectin nicht gegen Covid-19 hilft, hatte Anfang April 2022 auch eine große Studie aus Brasilien bestätigt. Die im renommierten «New England Journal of Medicine» veröffentlichte Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass das Wurmmittel etwa das Risiko für eine erforderliche Behandlung im Krankenhaus nach einer Coronavirus-Infektion im Vergleich zum Placebo nicht senkt. In der Doppelblind-Studie wussten weder Ärzte noch die per Los zugeordneten Patienten, wer das Wurmmittel und wer ein Scheinpräparat (Placebo) bekommen hatte – das gilt als einer der höchsten Qualitätsstandards, um die Wirksamkeit eines Medikaments in wissenschaftlichen Studien zu prüfen.

Auch in weiteren Studien konnte keine Wirksamkeit gegen Covid-19 festgestellt werden, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) in einem Faktencheck zusammentrug. In einem Leitfaden zur medikamentösen Therapie bei Covid-19 mit Stand vom 7. März 2022 schreibt das Robert Koch-Institut, dass ein Einsatz von Ivermectin bei Covid-19 nur im Rahmen von kontrollierten klinischen Studien empfohlen sei. Es gebe ein «Risiko der schweren Toxizität bei unkontrollierter Anwendung».

(Stand: 2.5.2022)

® 2022 nwna.de Mit Quellen von dpa-Fakten Check Team.