Home Fakten Checks Geplante EU-Düngeregeln beziehen sich nur auf besondere Schutzgebiete

Geplante EU-Düngeregeln beziehen sich nur auf besondere Schutzgebiete

by Jessika McGyver
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Der Landwirtschaft in Deutschland drohe angeblich eine «Zwangsökologisierung» durch die Europäische Union (EU), raunen einige Nutzerinnen und Nutzer in den sozialen Netzwerken. Posts zeigen eine Deutschlandkarte mit Gebieten, in denen Düngung und Pflanzenschutz angeblich von der EU verboten werden sollen. Gekennzeichnet ist ein Großteil der Karte. Warum es Unfug ist, dass man auf fast keiner landwirtschaftlichen Fläche in Deutschland mehr Pflanzenschutzmittel einsetzen kann, wenn eine geplante EU-Verordnung umgesetzt wird.

Bewertung

Die EU will die konventionelle Düngung und Pflanzenschutzmittel in Natura-2000-Gebieten und öffentlichen Grünflächen unterbinden – die meisten Schutzgebiete wären davon nicht betroffen.

Fakten

Die in den sozialen Netzwerken verbreitete Karte ist eine Übersicht von gemeldeten Schutzgebieten in Europa, die auf Deutschland zentriert ist. Doch nicht alle dort abgebildeten Flächen wären von einer neuen EU-Pflanzenschutz-Verordnung betroffen – wie behauptet wird. Das Pestizid-Verbot soll nur für spezielle Gebiete gelten: für sogenannte Natura-2000-Schutzgebiete (in Orange dargestellt) – nicht für normale (Natur-)Schutzgebiete (in Violett dargestellt). Die beiden Kategorien können sich in einzelnen Fällen überlappen.

Was ist bislang in Natura-2000-Gebieten landwirtschaftlich möglich?

Natura-2000-Gebiete dürfen nach bestimmten Regeln landwirtschaftlich genutzt werden. «Die meisten landwirtschaftlichen Flächen im Natura-2000-Netz wurden bisher extensiv bewirtschaftet», erklärt die Europäische Kommission in ihren Leitlinien für diese Gebiete. Bei der extensive Landwirtschaft gibt es im Verhältnis zur Fläche einen geringen Einsatz etwa von Düngemitteln, Pestiziden und Maschinen; sie ist deshalb umweltverträglicher als die intensive Landwirtschaft.

Was würde die neue Richtlinie für die Landwirtschaft dort bedeuten?

Bauern, die aktuell auf Natura-2000-Gebieten wirtschaften, dürften tatsächlich keine Pestizide mehr verwenden. Daran gibt es aus der Branche Kritik. Die EU will indes die Betroffenen für einen Übergangszeitraum von fünf Jahren finanziell unterstützen.

Welche Unterschiede gibt es zwischen den Schutzkategorien?

In Deutschland gibt es laut dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) «Naturschutzgebiete, Nationalparke, Biosphärenreservate, Landschaftsschutzgebiete und Naturparke sowie die Schutzgebiete gemäß Natura 2000.» Um es noch einmal zu betonen: Nur letztgenannte wären von der neuen EU-Verordnung betroffen. Diese Natura-2000-Gebiete dienen dazu, den Lebensraum gefährdeter Arten zu schützen. «Insgesamt gibt es rund 2000 Arten (…), für die Kerngebiete als Natura-2000-Gebiete ausgewiesen werden müssen», so die EU.

Naturschutzgebiete gehören zu den sehr streng geschützten Flächen in Deutschland. Die meisten davon sind relativ klein. Dadurch sind sie anfälliger gegen äußere Einflüsse wie Nährstoffeinträge oder Entwässerung, erklärt das BfN. Im Gegensatz zu Naturschutzgebieten sind Landschaftsschutzgebiete häufig großflächiger und die Nutzung ist weniger eingeschränkt, erklärt der Naturschutz-Bund (Nabu). Sie erstrecken sich auf gut ein Viertel der Fläche Deutschlands.

Wie weit ist die EU mit der Verordnung?

Die EU hat bisher nur einen Vorschlag vorgelegt, der vom Europäischen Parlament und vom Rat geprüft wird. Die EU bezieht sich in ihrem Entwurf für ein Pestizid-Verbot auf ökologisch empfindliche Gebiete: «Die Verwendung von Pestiziden an Orten wie städtischen Grünflächen, einschließlich öffentlicher Parks und Gärten, Spielplätzen, Schulen, Freizeit- und Sportplätzen, öffentlichen Wegen und Natura-2000-Schutzgebieten sowie in allen ökologisch empfindlichen Gebieten, die für bedrohte Bestäuber erhalten werden müssen, wird generell verboten.»

Ziel dieser Verordnung sei es, Boden, Luft und Lebensmittel und damit die Gesundheit der Menschen zu schützen, erklärt die EU-Kommissarin für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Stella Kyriakides.

Warum will die EU Pestizide reduzieren?

Die EU hat sich eine Reduktion ihm Rahmen ihres Green Deals vorgenommen. Hinter dem Green Deal verbergen sich die selbst gesteckten Klimaziele der EU. «Die Kommission will geschädigte Ökosysteme wiederherstellen und landwirtschaftliche Flächen, Meeresgebiete, Wälder und städtische Gebiete in ganz Europa renaturieren», erklärt die EU. Bis zum Jahr 2030 sollen 50 Prozent weniger Pestizide eingesetzt werden. Pestizide sind schädlich für die Gesundheit von Menschen, Tieren und Pflanzen; sie wirken sich negativ auf die biologische Vielfalt aus.

Wieso ist eine neue Verordnung dafür notwendig?

Die ältere Vorschrift zur nachhaltigen Verwendung von Pestiziden habe sich als nicht streng genug erwiesen, erklärt die EU. «Auch beim integrierten Pflanzenschutz (IPM) und mit anderen alternativen Konzepten wurden keine hinreichenden Fortschritte erzielt.»

(Stand: 30.08.2022)

® 2022 nwna.de Mit Quellen von dpa-Fakten Check Team.