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Gendefekt löst seltene Krankheit aus

by Jessika McGyver
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Immer wieder werden von Impfgegnern Gründe gesucht, die gegen eine Corona-Impfung sprechen könnten. Beispielsweise wird nun behauptet, dass es «mehrere hundert Fälle» der sogenannten Kinderdemenz gegeben haben könnte. Die Krankheit sei «bisher unbekannt» gewesen und erst jetzt werde darüber berichtet. Der Artikel beruft sich auf einen 2021 erschienenen Artikel in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift, der vor einer angeblichen Gefahr durch Corona-Impfstoffe warnt.

Bewertung

Es gibt keine Hinweise, dass die Corona-Impfung Demenz bei Kindern auslöst. Vielmehr liegt der Krankheit ein Gendefekt zugrunde. Die Krankheit ist seit mehreren Jahrzehnten bekannt. Die Behauptungen aus dem wissenschaftlichen Artikel wurden bereits von Wissenschaft und Faktenprüfern widerlegt.

Fakten

Zwar wird in der Überschrift des Artikels, der in den sozialen Medien verbreitet wird, Kinderdemenz erwähnt, in den Ausführungen in dem Artikel ist davon aber keine Rede mehr. Wo Hunderte Fälle der Krankheit aufgetreten sein sollen, ist völlig unklar. Weder wird in dem Artikel eine Quelle dafür genannt, noch werden weitere Details dazu erläutert. Auch der wissenschaftliche Artikel, der als Beweis für die vermeintliche Gefährlichkeit der Corona-Impfung angeführt wird, nennt die Kinderdemenz (hildhood dementia) kein einziges Mal.

Der Artikel «COVID-19 RNA Based Vaccines and the Risk of Prion Disease» wurde bereits in 2021 in der Fachzeitschrift Microbiology & Infectious Diseases veröffentlicht. Der Autor behauptet darin, dass Bestandteile der Corona-Impfstoffe Alzheimer und die Lou-Gehrig-Krankheit, auch bekannt als ALS, verursachen können.

Auf seiner Website verbreitet der Autor Verschwörungsnarrative. Er spekuliert, dass es sich bei der Corona-Pandemie «in Wirklichkeit um einen Biowaffenangriff handelt, der möglicherweise mit dem Milzbrandanschlag in den USA im Jahr 2001 zusammenhängt».

Die Behauptungen wurden bereits durch verschiedene Faktenprüfern widerlegt. Auch der unabhängige Amerikanische Rat für Wissenschaft und Gesundheit (ACSH) hat den Behauptungen aus dem Artikel widersprochen.

Thorsten Marquardt, Professor am Universitätsklinikum Münster und Experte für angeborene Stoffwechselerkrankungen, teilt der Deutschen Presse-Agentur (dpa) auf Anfrage mit, der Zusammenhang zwischen Corona-Impfung und Kinderdemenz entbehre jeglicher Fakten.

Der Artikel, der in den sozialen Medien verbreitet wird trägt den Titel «Ärzte sind erstaunt: Hunderte von Kindern mit “Kinderdemenz” diagnostiziert». Er wurde am 24. August 2022 auf dem Portal «uncut-news» veröffentlicht. Es handelt sich dabei um eine Übersetzung eines Artikels einer amerikanischen Seite, die bereits mit Falschinformationen aufgefallen ist.

Kinderdemenz ist ein Sammelbegriff für eine Reihe von seltenen Stoffwechselerkrankungen bei Kinder und Jugendlichen. Diese Neuronale Cereoid-Lipofuszinose (NCL) kann in verschiedenen Variationen auftreten und wird durch einen Gendefekt der Eltern vererbt. Haben beide Eltern den gleichen Gendefekt, besteht eine etwa 20-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass das gemeinsame Kind die Krankheit entwickelt. Sie kann durch einen Gentest festgestellt werden und führt zum schrittweisen Verlust bereits vorhandener geistiger und motorischer Fähigkeiten. Die meisten betroffenen Kinder sterben früh.

Deutschlandweit gibt es Schätzungen zufolge etwa 700 Kinder mit der seltenen Krankheit, weltweit sollen es rund 70 000 sein. Neu ist die Krankheit jedoch nicht: Der erste Fall wurde bereits 1826 vom norwegischen Kinderarzt Otto Stengel festgestellt. Seitdem wird an der Krankheit und Behandlungsmethoden geforscht. Bisher kann die Krankheit nicht geheilt werden. Möglich ist nur, die Symptome zu lindern.

(Stand: 20.9.2022)

® 2022 nwna.de Mit Quellen von dpa-Fakten Check Team.