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FDA, Reuters und Anthony Fauci

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Impfgegner versuchen regelmäßig, ihre Verschwörungserzählungen mithilfe konstruierter Zusammenhänge zu untermauern. Ein Sharepic zeigt unter anderem ehemalige Mitarbeiter der amerikanischen Arzneimittelbehörde. Diese sollen dort früher für die staatliche Regulierung der Covid-Impfstoffe zuständig gewesen sein und nun für jene Pharmakonzerne arbeiten, die diese Impfstoffe herstellen. Zwei weitere Behauptungen: Der Geschäftsführer (CEO) von Reuters sei zugleich Verwaltungsratsmitglied bei einem der Pharmaunternehmen. Und US-Immunologe Anthony Fauci finanziere angeblich «Biowaffenforschung» im chinesischen Wuhan. Wie es sich tatsächlich darstellt.

Bewertung

Die Informationen sind teilweise falsch, veraltet und irreführend. Zusammenhänge werden verkürzt dargestellt. Der Vorsitzende der Thomson Reuters Foundation hat keine redaktionelle Verantwortung bei der Nachrichtenagentur Reuters inne. Es gibt keine Hinweise darauf, dass der Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID), Anthony Fauci, Biowaffenforschung von Coronaviren finanziert hat. Nach beruflichen Wechseln zwischen der staatlichen Arzneimittelbehörde FDA und der Privatwirtschaft müssen sich Betroffene von ihren ehemaligen Aufgabengebieten fernhalten.

Fakten

Einige Informationen zu den Personen aus dem Bild sind schlicht falsch, teilweise fehlen Zusammenhänge, manches ist korrekt.

Smith hat mit Inhalten der Nachrichtenagentur Reuters nichts zu tun

Zu den beruflichen Positionen von James («Jim») C. Smith gibt es bereits einen dpa-Faktencheck. Er ist nicht, wie behauptet, Geschäftsführer (CEO) der Nachrichtenagentur Reuters, sondern Vorsitzender des «Board» der «Thomson Reuters Foundation». Das ist eine Stiftung, die sich nach eigenen Angaben unter anderem für Pressefreiheit einsetzt. Sie wird zum Teil von Thomson Reuters finanziert, hat aber mit der Nachrichtenagentur Reuters und den redaktionellen Inhalten nichts zu tun.

Bis Februar 2020 war James C. Smith tatsächlich Vorstandsvorsitzender des Medienkonzerns Thomson Reuters. Mittlerweile gehört er zum «Board of Directors» bei Pfizer. Dieses Gremium ist am ehesten mit einem deutschen Aufsichtsrat vergleichbar.

Keinerlei Belege für Biowaffenforschung durch Fauci

Anthony Fauci ist seit 1984 Direktor des amerikanischen National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID), das zu den National Institutes of Health (NIH) gehört. Das NIAID beziehungsweise die NIH hat/haben von 2014 bis zur Einstellung tatsächlich Gelder für ein Forschungsprojekt zu Fledermaus-Coronaviren in China bereitgestellt.

2021 wurde Fauci vorgeworfen, dass die NIH damit «Gain-of-function»-Forschung bei Coronaviren im chinesischen Wuhan finanziert hätten. Bei «Gain-of-function»-Forschung wird in Organismen eingegriffen, um etwa Viren ansteckender zu machen – also um beispielsweise mögliche Mutationen zu simulieren. Mehrere Medienberichte beschäftigten sich mit der Thematik, nachdem diese Finanzierung bekannt wurde. Fauci dementierte allerdings mehrmals (hier, hier, hier), dass die NIH eine solche Forschung in Wuhan finanziert oder unterstützt hätten.

Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass mit dieser Forschung gezielt Biowaffen hergestellt werden sollten. Deren Ziel war vielmehr, das Risiko und die Übertragung von Fledermaus-Coronaviren besser zu verstehen, um damit Vorhersagen und Modelle zu Corona-Zoonosen hinsichtlich der Prävention zukünftiger Pandemien zu entwickeln. Das geht aus der Projektbeschreibung hervor. Zoonosen sind Infektionskrankheiten, die etwa von Bakterien oder Viren verursacht und wechselseitig zwischen Tieren und Menschen übertragen werden können.

Gottlieb und Hahn sind in die Privatwirtschaft gewechselt

Der Beauftragte der amerikanischen Arzneimittelbehörde (FDA) leitet die Behörde und überwacht alle Aufgaben der Agentur im Auftrag des US-amerikanischen Gesundheitsministeriums. Scott Gottlieb und Stephen Hahn waren tatsächlich jeweils in dieser Position tätig: Gottlieb von Mai 2017 bis April 2019 und Hahn von Dezember 2019 bis Januar 2021.

Allerdings ist der Aufgabenbereich der Behörde sehr breit gefächert. Sie reguliert unter anderem die Bereiche Lebensmittel, Arzneimittel, medizinische, elektronische, kosmetische und tierärztliche Produkte sowie Tabakwaren. Es ist daher verkürzt zu sagen, der FDA-Beauftragte sei unmittelbar für die Regulierung eines bestimmten Pharmakonzerns wie Pfizer oder Moderna zuständig – oder gar direkt am Zulassungsverfahren eines einzelnen Impfstoffs beteiligt gewesen.

Zudem verfügt die FDA dem US-amerikanischen Think Tank Council on Foreign Relations (CFR) zufolge über mehrere Hundert Außenbüros und einige Labore in allen US-Staaten, etwa das Center for Biologics Evaluation and Research, das Center for Tobacco Products und das Office of Women’s Health.

Vorschriften für den Wechsel von ehemaligen Staatsbediensteten

Wie auch James C. Smith gehört Scott Gottlieb inzwischen zum «Board of Directors» von Pfizer. Im Juni 2019 wurde er laut einer Mitteilung in das Leitungs- und Kontrollgremium des Konzerns gewählt.

Stephen Hahn war 2021 tatsächlich zunächst als Chief Medical Officer bei der Risikokapitalgesellschaft Flagship Pioneering aktiv. Die Gesellschaft ist laut einem Bericht der «Washington Post» eng mit Moderna verbunden und hatte Anteil an der Entstehung der Firma. Aktuell ist Hahn jedoch CEO-Partner und Berater von Flagship Pioneering sowie Chief Executive Officer von Harbinger Health – einem Unternehmen, das sich unter anderem mit der Früherkennung von Krebs mithilfe künstlicher Intelligenz (KI) beschäftigt; das Unternehmen wurde ebenfalls von Flagship Pioneering ins Leben gerufen.

Jobwechsel von einer US-Bundesbehörde zu einem privatwirtschaftlichen Unternehmen sind regelmäßig Gegenstand von Kritik. Es gibt allerdings Gesetze und Auflagen, die solche Wechsel regulieren sollen. Regelungen des US-Bundesrechts sollen etwa ehemalige Staatsbedienstete daran hindern, möglicherweise erlangten Einfluss oder Informationen zum Vorteil ihres neuen Arbeitgebers einzusetzen.

Auch in Bezug auf Hahns Wechsel zu Flagship Pioneering sind solche ethischen Regularien laut der Washington Post zum Einsatz gekommen. Er durfte zum Beispiel nach dem Wechsel ein Jahr nicht mit der FDA über Themen kommunizieren, für die er bei seinem neuen Arbeitgeber zuständig ist. Mit Bereichen, in die Hahn bei der US-Behörde persönlich involviert war, dürfe er demnach ein Leben lang nichts mehr zu tun haben.

(Stand: 9.8.2022)

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