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Deutsche Institute kooperierten mit zivilen Forschungseinrichtungen in der Ukraine

by Jessika McGyver
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Schon bald nach der Invasion der Ukraine behauptete die russische Regierung, dort Hinweise auf ein amerikanisches Biowaffen-Programm gefunden zu haben. Der Vorwurf hat in Form einer Pressemitteilung des russischen Außenministeriums auch die Bundesrepublik erreicht: zwei deutsche Institute seien beteiligt. Die deutsche Übersetzung postet eine Nutzerin auf Facebook und schreibt dazu, ihr sei ganz übel geworden, «Deutschland entwickelte in der Ukraine biologische Waffen zum Kampf gegen Russland» (archiviert).

Bewertung

Das ist falsch. Beide Institute haben mit ukrainischen Forschungseinrichtungen kooperiert, es gibt aber keinerlei Hinweise darauf, dass sie dort an biologischen Waffen gearbeitet haben. Das Bernhard-Nocht-Institut teilte der Deutschen Presse-Agentur (dpa) mit, es habe an der Bekämpfung von Infektionskrankheiten geforscht. Das Friedrich-Löffler-Institut sagte, es habe für die Grundlagenforschung Proben von Fledermausparasiten aus der Ukraine erhalten.

Fakten

Die beiden genannten Institute sind das Friedrich-Löffler-Institut (FLI), insbesondere sein Standort auf der Insel Riems in Mecklenburg-Vorpommern, und das Bernard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg. Beide Institute tauchen in der Pressemitteilung auf, die den Wortlaut einer Rede des russischen UN-Botschafters Gennady Gatilov bei einer Abrüstungskonferenz der Vereinten Nationen am 31. März 2022 enthalten soll.

Die auf Facebook veröffentlichten Screenshots der Rede entsprechen der mit Google Translate erstellten automatisierten Übersetzung. Einleitend steht dort demnach, Deutschland sei unter den Ländern, die Militärlabore in der Ukraine betrieben hätten. Dokumente würden «bestätigen, dass Deutschland sein eigenes militärisch-biologisches Programm in der Ukraine durchführt».

Belege dafür liefert die russische Regierung nicht. Die Bundesrepublik Deutschland gehörte 1972 zu den ersten Unterzeichnern des «Übereinkommens über das Verbot biologischer Waffen» und hat sich verpflichtet, solche Waffen nicht zu entwickeln, herzustellen oder sie zu lagern.

Die Vorwürfe gegen das Bernhard-Nocht-Institut

Der Übersetzung zufolge steht in der Pressemitteilung, das «nach B. Nokht benannte deutsche Institut für Tropenmedizin» (Fehler im Original) habe im Rahmen dieser Arbeit mit dem ukrainischen Gesundheitsministerium kooperiert und sich «Blutproben der slawischen Volksgruppe» schicken lassen.

Zwei Absätze weiter wird angedeutet, wozu diese Probe angeblich dienten: Westliche Staaten seien sehr vorsichtig mit entsprechendem Biomaterial ihrer Bürger, denn es ließen «sich theoretisch Bioagenten herstellen, die selektiv auf verschiedene ethnische Gruppen wirken können».

Dokumente, die diese Vorwürfe belegen, liefert die russische Regierung nicht. Das Bernhard-Nocht-Institut teilte der dpa mit, man habe seit sechs Jahren in einem Projekt mit dem ukrainischen «Gesundheitsministerium die Seroprävalenz, also das Vorkommen von Antikörpern bei verschiedenen in der Region vorkommenden Infektionskrankheiten» untersucht.

Das Institut habe dort «niemals Erreger gesammelt oder aufbewahrt». Die Proben seien «anonymisierte Blutspenden aus der Blutbank, die in der Ukraine gelagert werden». Das BNITM habe «niemals und wird niemals direkt oder indirekt an Biowaffen arbeiten».

Die Vorwürfe gegen das Friedrich-Loeffler-Institut

Das Löffler-Institut gehört der Pressemitteilung zufolge neben Einrichtungen in den USA, Großbritannien und Georgien zu den Empfängern «besonders gefährlicher biologischer Arbeitsstoffe». Genauer ausgeführt werden die Vorwürfe gegen das Löffler-Institut an dieser Stelle nicht.

Das Institut wurde aber bereits in einer am 17. März 2022 veröffentlichten Pressemitteilung auf der englischsprachigen Seite des Verteidigungsministeriums und einer aufgezeichneten Pressekonferenz des russischen Verteidigungsministeriums erwähnt. Im dem Video der Pressekonferenz ist eine «Transfervereinbarung» («Transfer Agreement») zwischen dem Institut in Charkiw und dem FLI zu sehen. In dem auf der Seite eines russischen Veteranenverbands sichtbaren Dokument aus dem Jahr 2020 geht es um den Transfer von «147 Proben von Ektoparasiten» von einer ukrainischen Forschungseinrichtung in Charkiw an das Loeffler-Institut.

Als Ektoparasiten werden etwa Zecken, Flöhe und Läuse bezeichnet. Das Loeffler-Institut schreibt der Deutschen Presse-Agentur (dpa) über den Austausch, die Proben hätten aus «abgetöteten Flöhen und Zecken in Ethanol, die die ukrainischen Kollegen bei Fledermäusen absammelten» bestanden.

Am Institut seien sie auf Krankheitserreger untersucht worden, die Ergebnisse habe man auf einer Tagung auf einem Poster dargestellt. Weiter schreibt das Institut, die Forschung sei «für Menschen, die beruflich oder als Hobby mit Fledermäusen zu tun haben, von Bedeutung. Mit Biowaffenforschung hat dies überhaupt nichts zu tun.»

Erstmals vorgebracht hatte den Vorwurf der russische Vertreter in einer Erklärung vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen am 11. März 2022. Er gehe davon aus, dass die USA in der Ukraine an biologischen Waffen geforscht hätten. In diesem Zusammenhang habe man auch Kenntnis von «einem Transfer von mehr als 140 Behältern mit Fledermaus-Ektoparasiten», bei denen man nicht wisse, was aus ihnen geworden sei. Tatsächlich geht es dem Dokument zufolge um 147 Proben. Dem Wissenschaftsmagazin «Science» sagte die Leiterin des Instituts für Tiermedizin am FLI außerdem, sie wisse wo sich die Proben befänden, «in ihrer Tiefkühltruhe».

Bereits kurz nach der Invasion hatte die russische Regierung behauptet, dass die USA in der Ukraine angeblich geheime Biowaffen-Labore betreiben. In einem anderen Faktencheck hatte die dpa dargelegt, dass diese Labore nicht geheim, sondern seit langem bekannt sind und amerikanischen Angaben zufolge am Schutz vor biologischen Waffen forschen.

(Stand: 14.4.2022)

® 2022 nwna.de Mit Quellen von dpa-Fakten Check Team.