Home Faktencheck Auswertung von PCR-Tests falsch interpretiert – Nachweis der Corona-Infektion wurde nicht angezweifelt

Auswertung von PCR-Tests falsch interpretiert – Nachweis der Corona-Infektion wurde nicht angezweifelt

by nwna_de

Um eine Infektion mit dem Sars-CoV-2-Virus nachzuweisen, gilt der PCR-Test als zuverlässigste Methode. In sozialen Medien wird das nach der Veröffentlichung einer Untersuchung von Forscherinnen und Forschern aus Duisburg allerdings wieder einmal angezweifelt. «Studie zeigt, PCR Test weisst keine Infektion nach» (sic), heißt es in einem Facebook-Beitrag (archiviert). Außerdem soll die Untersuchung zeigen: «Die meisten positiv Getesteten sind nicht infektiös».

Bewertung

Die Studie befasst sich mit Aussagen des PCR-Tests über die Ansteckungsgefahr (Infektiosität) von positiv Corona-Getesteten – nicht mit dem Nachweis einer Infektion. Zur Infektiosität können PCR-Tests keine eindeutige Aussage treffen – «nicht infektiös» meint bei positiv Getesteten eigentlich: «nicht mehr infektiös» oder «noch nicht infektiös».

Fakten

Die angesprochene Studie ist ein Diskussionsbeitrag («Letter to the Editor») im wissenschaftlichen Fachmagazin «Journal of Infection». Die Autoren von der medizinischen Fakultät der Universität Duisburg/Essen stellen darin kompakt die Ergebnisse einer Auswertung von PCR-Tests vor. Aus einem Labor in Münster haben die Forscherinnen und Forscher 190 000 PCR-Test zwischen Anfang März und Anfang Dezember 2020 ausgewertet – beziehungsweise jene rund 4000 positiven Tests darunter.

PCR-Tests zeigen eine Infektion mit dem Coronavirus, indem sie nach bestimmtem Genmaterial des Virus in einem Abstrich aus Rachen und/oder Nase suchen und dieses Genmaterial zur Analyse vervielfältigen. Diese Tatsache widerlegt auch die Duisburger Studie nicht oder zweifelt sie an: «Im Wesentlichen weißt eine PCR eine Infektion nach», sagte der Autor und Epidemiologe Andreas Stang der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

In seiner Daten-Auswertung geht es stattdessen darum, inwiefern PCR-Tests etwas über die Ansteckungsgefahr – die Infektiosität – von positiv getesteten Personen aussagen. «Man kann infiziert sein, ohne infektiös zu sein», sagte Stang. Zusätzlich erschien zu der Studie eine Pressemitteilung der Universität. Darin plädiert Stang dafür, nicht allein die Ergebnisse von PCR-Tests heranzuziehen, um über Pandemie-Maßnahmen zu entscheiden.

Grundsätzlich können PCR-Test nicht exakt sagen, wie ansteckend ein Corona-Infizierter ist. Allerdings kann der sogenannte ct-Wert einen Hinweis auf die Infektiosität geben. Dieser Wert wird beim PCR-Test ebenfalls ermittelt.

Der ct-Wert steht für «cycle threshold» und gibt anin wievielen Zyklen die Virus-Partikel aus dem Abstrich vervielfältigt werden mussten, um das Virus nachzuweisen. Grob gesagt bedeutet das: Je höher der ct-Wert, desto niedriger war die Viruslast – und desto wahrscheinlicher ist es, dass die getestete Person nicht ansteckend war, als ihr der Abstrich entnommen wurde.

Dabei gibt es allerdings Einschränkungen: Das PCR-Testergebnis wie auch der ct-Wert sind eine Momentaufnahme. Es kann sein, dass eine positiv getestete Person nach dem Test und im Verlauf ihrer Infektion noch ansteckend wird. Oder sie war bereits in der ansteckenden Phase, bevor der Test gemacht wurde. Die Viruslast in der Probe kann auch niedrig sein, wenn der Abstrich schlecht genommen wurde.

Aus diesem Grund ist die Interpretation irreführend, dass laut der Duisburger Untersuchung die meisten positiv Getesteten grundsätzlich nicht infektiös seien. «Statistisch gesehen waren 60 Prozent zum Zeitpunkt der Testung nicht infektiös», präzisierte Epidemiologe Stang.

Das zweite Problem: Es gibt keinen einheitlichen ct-Wert, ab dem positiv Getestete nicht mehr als ansteckend gelten. Die Aussagekraft von ct-Werten unterscheidet sich von Labor zu Labor.

Die Debatte über diesen einen fehlenden Standard ist nicht neu. «Ein ct-Wert von 30 in dem einen Labor ist nicht dasselbe in Form von Viruslast wie ein ct-Wert von 30 in einem anderen Labor», sagte der Virologe Christian Drosten im September 2020 im NRD Podcast “Coronavirus Update”. Zuvor hatte die «New York Times» über den ct-Wert und die fehlenden Daten zur Infektiosität berichtet. Im September berichteten WDR, NDR und «Süddeutsche Zeitung» darüber, wie die Gesundheitsämter in Deutschland mit den ct-Werten umgehen.

sterben Untersuchung der Duisburger Forscher hat einen ct-Wert von 25 als Grenze für den Nachweis von Infektiosität gewählt und verweist dazu auf eine britische Untersuchung von Ansteckungen innerhalb eines Haushalts. Über dem ct-Wert von 25 lagen in der Duisburger Untersuchung durchschnittlich 60 Prozent der positiv Getesteten. Ein sicherer Beleg dafür, dass die Mehrheit der Getesteten nicht mehr infektiös war, ist das aber nicht. Die Untersuchung spricht daher auch von «wahrscheinlich nicht mehr ansteckend» – eine Differenzierung, die im Facebook-Beitrag fehlt.

Auch ein ct-Wert von 30 ist ein denkbarer Grenzwert für den Nachweis von Infektiosität, der von Fachleuten immer wieder erwähnt wurde. Diesen Maßstab haben die Duisburger Forscher ebenfalls angelegt: Über diesem ct-Wert lagen nur noch 30 Prozent der positiv Getesteten, waren also vermutlich nicht mehr ansteckend.

Seine Untersuchung als vermeintlichen Beleg für einen grundsätzlichen Zweifel an PCR-Tests oder der Tragweite der weltweiten Coronainfektionen heranzuziehen, lehnt Studienautor Stang ab. «Wenn jemand unsere Arbeit so verstehen würde, dass es ohne Tests keine Pandemie gäbe, wäre das grotesk», sagte Stang der dpa.