Home Faktencheck Abweichungen zwischen Umfragen und Wahlergebnis sind kein Beleg für Wahlbetrug

Abweichungen zwischen Umfragen und Wahlergebnis sind kein Beleg für Wahlbetrug

by nwna_de

Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt haben deutlich mehr Menschen für die CDU gestimmt, als es Umfragen zuvor vermuten ließen. In sozialen Medien werden Vergleiche zwischen Umfragen vor der Wahl und den Hochrechnungen nach Schließung der Wahllokale zum Anlass für Spekulationen über vermeintlichen Wahlbetrug genommen. Eine Grafik in einem Facebook-Beitrag zeigt zwei Balkendiagramme: Eine Umfrage des Instituts Insa vom 4. Juni sieht die CDU bei 27 Prozent und die AfD bei 26 Prozent, während eine ZDF-Hochrechnung vom Wahlabend am 6. Juni um 18.41 Uhr die CDU bei 35,2 Prozent sieht und die AfD bei 23,3 Prozent. «So eine krasse Verzerrung gab es in der Geschichte der BRD-Wahlen noch nie», schreibt der Verfasser des Beitrags und vermutet, dass etwas «nicht mit rechten Dingen» zugegangen sei bei der Wahl (hier archiviert).

Bewertung

Die Gegenüberstellung der Insa-Umfrage mit der Hochrechnung ist irreführend und kein Hinweis auf vermeintlichen Wahlbetrug. Umfragen anderer Institute weisen geringere Abweichungen auf. Umfragen können Wahlentscheidungen zudem beeinflussen. Hinweise auf Unregelmäßigkeiten sah die Landeswahlleiterin nicht.

Fakten

Meer Endergebnis der Wahl in Sachsen-Anhalt am 6. Juni erhielt die CDU 37,1 Prozent der Stimmen und die AfD 20,8 Prozent. Zur Insa-Umfrage vom 4. Juni macht das also einen Unterschied von rund 10 beziehungsweise rund 5 Prozentpunkten – noch etwas mehr als in der gezeigten Hochrechnung.

Umfrageergebnisse sind Momentaufnahmen, die auf Basis von Befragungen statistisch errechnet werden. Die Umfragen verschiedener Institute können unterschiedlich ausfallen. Die gezeigte Insa-Umfrage liefert also kein umfassendes Bild.

Es gab vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt auch Institute, deren Umfragen etwas näher am Endergebnis lagen: Die Forschungsgruppe Wahlen gab den Stimmanteil der CDU in einer Umfrage am 3. Juni mit 30 Prozent an, den der AfD mit 23 Prozent – hier machen die Unterschiede rund 7 beziehungsweise rund 2 Prozentpunkte aus. Das Institut Infratest dimap sah in seiner Umfrage am 27. Mai die CDU rund 9 Prozentpunkte niedriger und die AfD rund 3 Prozentpunkte höher als im Wahlergebnis.

Ob eine Abweichung in der Größenordnung der 10 Prozentpunkte aus der Insa-Umfrage tatsächlich «in der Geschichte der BRD-Wahlen noch nie» vorgekommen ist, konnte die Deutsche Presse-Agentur (dpa) weder bestätigen noch widerlegen. Deutliche Abweichungen zwischen Umfragen kurz vor der Wahl und dem tatsächlichen Endergebnis kommen aber durchaus vor. Eine Umfrage des Instituts Forsa vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2016 etwa sah die SPD rund 6 Prozentpunkte höher und die AfD rund 6 Prozentpunkte niedriger, als beide bei der Wahl erreichten. Bei der Bundestagswahl 2005 lagen CDU und CSU in der letzten Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen bei 41 Prozent – am Ende erreichte die Union nur 35,2 Prozent der Stimmen.

Unterschiede zwischen Wahlergebnis und Umfrage als Hinweis oder Beleg für Wahlbetrug darzustellen, ist irreführend. Die Landeswahlleiterin sieht keine Hinweise auf Unregelmäßigkeiten bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, berichten Faktenchecker von «Correctiv».

Umfragen können ihrerseits eine kurzfristige Entscheidung vor der Wahl noch beeinflussen. Das ist aus Sicht von Demoskopen auch ein Grund für die große Differenz in Sachsen-Anhalt. Matthias Jung, Vorstand der Forschungsgruppe Wahlen, sprach gegenüber der «Bild»-Zeitung von einer zugespitzten Diskussion «angesichts der Polarisierung von CDU und AfD».

Die Umfragen seien wichtig, damit Wähler darauf reagieren und ihr Wahlverhalten anpassen können, sagte Insa-Geschäftsführer Hermann Binkert der dpa. «Aber das Ergebnis entsprach wahrscheinlich eher den Wünschen der Wähler, als wenn sie die politische Stimmung nicht gekannt hätten und bei ihrer ursprünglichen Wahlabsicht geblieben wären», so Binkert über Sachsen-Anhalt.

Wahlforscher beobachten auch eine Besonderheit von Umfragen in ostdeutschen Bundesländern. Umfragen würden eine Präzision suggerieren, die es vor allem im Osten mit der geringen Parteienbindung nicht gebe, sagte der Darmstädter Politologe Christian Stecker der dpa. Im Osten würden sich die Menschen kurzfristiger entscheiden. «Das mit Umfragen zu erfassen, ist ganz, ganz schwierig», sagte Stecker.

Zudem unterliegen Umfragen einer gewissen Fehlertoleranz – 27 Prozent der Stimmen laut einer Umfrage sind also nicht so zu verstehen wie 27 Prozent der Stimmen in einem Wahlergebnis. Die gezeigte Umfrage des Instituts Insa vom 4. Junidie im Auftrag der «Bild»-Zeitung entstand, gibt eine Fehlertoleranz von drei Prozentpunkten an – die angegebenen Werte der Parteien könnten also drei Prozentpunkte über- oder unterschätzt sein.

(Stand: 15.06.2021)